Yoga Zero – der Winter und Pratyahara

Die 5 Sinne verbinden uns mit der Umwelt und dienen der Kommunikation.
Die meiste Zeit sind diese „Antennen“ unserer Sinne nach Außen gerichtet, um die Informationen aus unserer Umgebung zu sammeln und zu verarbeiten.


Pratyahara, die 5. Stufe des Yoga (nach Patanjali) kehrt diesen Prozess um. Unsere Sinne werden nach innen gerichtet und das Ziel der Aufmerksamkeit ist nun der Teil unseres Selbst, der diese Erfahrung macht: das Bewusstsein. Dabei handelt es sich um einen Vorgang der Selbsterfahrung und der Reflektion – denn wir orientieren uns zuerst nach außen um Erfahrungen zu machen. Dann wenden wir uns nach innen, um zu entdecken, wer oder was all diese Erfahrungen macht.

Auch der Winter ist eine Jahreszeit, in der sich die Natur zurückzieht, es ist die saisonale Entsprechung für Pratyahara und des Schlafes bei Nacht. Diese Jahreszeit fordert uns auch auf, uns zurückzuziehen, eine Pause einzulegen und  die Wärme und das Licht im Inneren zu suchen.

Im Winter macht die Natur eine Pause vor dem nächsten Wachstums- und Produktionszyklus. Als das Leben noch enger an die Jahreszeiten gekoppelt war, waren auch die Aktivitäten der Menschen stärker angepasst an diesen Rhythmus. Heute, sind die Tätigkeiten und Anforderungen in vielen Berufen über das Jahr verteilt viel konstanter und gleichbleibend. Die jahreszeitlichen Impulse des Winters, halten den Körper jedoch an langsamer zu werden und sich anzupassen. Das kann sich darin bemerkbar machen, dass dieselben Aufgaben anstrengender wirken und dass wir mehr Schlaf benötigen.

Es ist ganz natürlich sich während dieser Jahreszeit mehr einkuscheln zu wollen, eine Kerze oder ein Feuer anzuzünden. Wir hängen im Winter gerne künstliche Lichter auf, draußen und auch im eigenen Heim. Wir haben viele Methoden entwickelt, um das externe Licht zu ergänzen! Das bedeutet aber nicht, dass wir einen Weg gefunden hätten, unser inneres Licht zu stärken wenn die Tage kürzer werden und die Sonnenstrahlen schwächer werden.

Wenn wir dann in Abwesenheit des äußeren Lichtes das innere Licht nicht mehr spüren, kann saisonal-bedingte Traurigkeit entstehen. Unsere Grundessenz ist das Licht. Es ist die Quelle unserer Wahrnehmung. Licht sorgt als höchste Kontrollinstanz über die täglichen Rhythmen und physiologischen Vorgänge im Körper. Wenn die Natur das Licht dimmt spüren wir dies! Wir benötigen aber nicht nur das Erleben, sondern wir benötigen auch die Erfahrung des Lichts. Wenn es dunkler wird, erleben wir dies in unserer Stimmung, Vitalität und unserem Selbstwertgefühl! Besonders im Winter ist es sinnvoll hinaus in die Natur und ans Tageslicht zu gehen. Es ist gerade jetzt wichtig täglich einige Zeit im Freien zu verbringen, um depressiven Gedanken und Stimmungen vorzubeugen.

Um das innere Licht zu stärken und wahrzunehmen eignen sich besonders meditative Yoga Übung, wie z. B.  – Trataka (das konstante Schauen) auf eine Kerzenflamme. Yoga Nidra, der Schlaf des Yogis, sowie intensive Atemübungen, wie Kapalabhati und der Sonnengruß, sind sehr hilfreich um die Wärme in uns zu entfachen und das innere Licht zum Leuchten zu bringen.

 

Pratyahara - Der vergessene Zweig des Yoga

Auszug aus einem Text von David Frawley
 

Wie viele Menschen und, ja selbst wie viele Yogalehrer können Pratyahara erklären? Haben Sie je ein Buch über Pratyahara gesehen? Kennen Sie einige wichtige Techniken des Pratyahara? Gehört es zu Ihren Yoga-Übungen? Wenn wir Pratyahara nicht verstehen, fehlt uns ein integraler Bestandteil des Yoga, ohne den das System nicht funktioniert Yoga ist ein umfangreiches System spiritueller Methoden für das innere Wachstum. Darum hat der klassische Yoga acht Glieder, die jeweils ihren eigenen Platz und ihre eigene Aufgabe haben. Von diesen ist Pratyahara wahrscheinlich am wenigsten bekannt. Als fünftes von acht Gliedern nimmt Pratyahara jedoch einen zentralen Platz ein. Manche Yogis zählen es zu den äußeren Aspekten des Yoga, für andere ist es ein innerer Aspekt. Beides ist richtig, denn Pratyahara ist ein Bindeglied, wie eine Tür zwischen den inneren und äußeren Aspekten des Yoga, und es zeigt uns, wie wir von der einen Seite zur anderen gelangen.

 

Wir können nicht unmittelbar von den Asanas zur Meditation übergehen. Das wäre ein Sprung vom Körper in den Geist, ohne darauf zu achten, was dazwischen liegt. Damit dieser Übergang gelingt, müssen wir die Atmung und die Sinne, die Körper und Geist verbinden, in den Griff bekommen und entwickeln. Darum brauchen wir Pranayama und Pratyahara. Mit Pranayama beherrschen wir unsere vitalen Energien und Impulse, mit Pratyahara meistern wir die unruhigen Sinne. Eine erfolgreiche Meditation setzt beides voraus.


Was ist Pratyahara?
Der Begriff Pratyahara besteht aus zwei Sanskritwörtern, nämlich prati und ahara. Ahara bedeutet "Nahrung" oder "etwas, was wir uns von außen zuführen".
Prati ist eine Präposition, die "gegen" oder "weg" bedeutet. Pratyahara bedeutet wörtlich "Beherrschung des Ahara" oder "Meisterung äußerer Einflüsse".

Man kann es mit einer Schildkröte vergleichen, die ihre Beine einzieht. Der Schild ist der Geist, die Sinne sind die Gliedmaßen. Das Wort wird meist mit "Rückzug der Sinne" übersetzt, aber das ist nicht alles. Im Yoga gibt es drei Ebenen des ahara. Die erste ist die physische Nahrung, die dem Körper die benötigten fünf Elemente liefert. Die zweite sind Eindrücke, die subtilen Substanzen, die mit Tönen, Bildern, Berührungen, Geschmäckern und Gerüchen den Geist ernähren. Auf der dritten Ebene befinden sich unsere Beziehungen, also die Menschen, die uns nahe stehen und Nahrung für unsere Seele sind, weil sie uns Sattva, Rajas und Tamas geben.

 

Pratyahara verlangt von uns den Verzicht auf ungesunde Nahrung, Eindrücke und Beziehungen. Stattdessen müssen wir für gesunde Nahrung, Eindrücke und Beziehungen offen sein. Ohne richtige Ernährung und richtige Beziehungen können wir die Sinneseindrücke nicht in den Griff bekommen und den Geist nicht befreien. Wenn wir uns vor negativen Eindrücken hüten, stärkt Pratyahara die Immunität des Geistes. So wie ein gesunder Körper widerstandfähig gegen Gifte und Keime ist, kann ein gesunder Geist negative Sinneseindrücke abwehren. Wenn der Lärm in Ihrer Umgebung Sie aufregt, üben Sie Pratyahara – sonst sind Sie nicht in der Lage zu meditieren.

 

Es gibt vier Hauptformen von Pratyahara: Indriya-Pratyahara (Beherrschung der Sinne), Prana-Pratyahara (Beherrschung von Prana), Karma-Pratyahara (Beherrschung des Handelns) und Mano-Pratyahara (Rückzug des Geistes von den Sinnen). Jede Variante hat ihre eigenen Methoden.

 

 

1. Beherrschung der Sinne

Indriya-Pratyahara ist die wichtigste Form von Pratyahara, was wir in unserer von den Massenmedien geprägten Kultur vielleicht nicht gerne hören. Die meisten Menschen sind mit Sinneseindrücken überladen, weil sie unaufhörlich vom Fernsehen, vom Rundfunk und von Computern, von Zeitungen, Zeitschriften und Büchern damit bombardiert werden. Unsere Kommerzgesellschaft ist darauf angewiesen, durch Reizung der Sinne Interesse zu wecken. Wir werden ständig mit grellen Farben, lauten Geräuschen und dramatischen Gefühlen konfrontiert. Wir schwelgen darin, wir sind daran gewöhnt. Die Sinne haben jedoch wie schlechterzogene Kinder ihren eigenen Willen, der weitgehend dem Instinkt folgt. Sie sagen dem Geist, was er tun soll. Wenn wir sie nicht zur Räson bringen, beherrschen sie uns mit endlosen Forderungen. Wir finden diese endlose Sinnesaktivität schon so normal, dass wir gar nicht mehr wissen, wie man den Geist beruhigt. Wir sind zu Geiseln der sinnlichen Welt und ihren Verführungen geworden. Wir laufen allem nach, was die Sinne reizt und vergessen die höheren Lebensziele. Darum ist Pratyahara für den heutigen Menschen wohl das wichtigste Glied des Yoga.

Das alte Sprichwort "Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach" gilt für Menschen, die nicht gelernt haben, ihre Sinne zu zügeln.


Indriya-Pratyahara stärkt den Geist und verringert seine Abhängigkeit vom Körper. Das ist keine Unterdrückung (die Auflehnung zur Folge hätte), sondern richtige Koordination und Motivation.

 

Richtige Sinneseindrücke: Beim Pratyahara geht es vor allem um die richtige Aufnahme von Sinneseindrücken. Wir achten zwar darauf, was wir essen und mit wem wir uns anfreunden, doch bei den Sinneseindrücken sind wir nicht so wählerisch. Wir nehmen über die Massenmedien bereitwillig auf, was wir in unserem eigenen Leben niemals dulden würden. Wir lassen durch Filme Leute in unser Haus, denen wir im wirklichen Leben die Tür weisen würden. Welche Eindrücke nehmen wir jeden Tag auf. Können wir im Ernst erwarten, dass sie keine Wirkung auf uns haben? Starke Sinnesreize trüben den Geist, und ein trüber Geist löst sorglose, rücksichtslose oder gar gewalttätige Handlungen aus.

 

Nach der Lehre des Ayurveda sind Sinneseindrücke die Hauptnahrung für den Geist. Unser gesamter geistiger Hintergrund besteht aus den dominierenden Sinneseindrücken. Dies ist zum Beispiel daran erkennbar, wenn uns immer wieder Erinnerungen an das letzte Lied, das wir gehört haben, oder Szenen aus dem letzten Film, den wir gesehen haben, einfallen. Ebenso wie minderwertige Nahrung dem Körper Gift zuführt, vergiften auch minderwertige Eindrücke den Geist. Wertlose Fertignahrung erhält ihren Geschmack durch viel Salz, Zucker oder Gewürze, da es sich um weitgehend tote Nahrung handelt. Vergleichbar damit brauchen wertlose Sinneseindrücke starke dramatische Effekte, wie Sex und Gewalt, um uns das Gefühl zu geben, dass sie real sind, weil es sich in Wirklichkeit nur um auf einen Bildschirmprojizierte Farben handelt. Wir dürfen die Rolle der Sinneseindrücke nicht unterschätzen. Sie machen uns zu dem, was wir sind, weil sie das Unterbewusstsein beeinflussen und seine latenten Neigungen stärken. Wenn wir versuchen zu meditieren, ohne unsere Sinne beherrschen zu können, lehnt das Unterbewusstsein sich gegen uns auf und verhindert, dass sich innerer Frieden und Klarheit einstellen.


Rückzug der Sinne:

Zum Glück sind wir der Überfülle von Sinneseindrücken nicht hilflos ausgeliefert. Pratyahara versorgt uns mit vielen Abwehrmethoden. Die einfachste ist der zeitweilige Rückzug vor allen Sinneseindrücken. So wie der Körper vom Fasten profitiert, kann der Geist vom Rückzug der Sinne profitieren. Das kann eine Meditation mit geschlossenen Augen sein oder ein Aufenthalt in einer Berghütte, fern jeder Reizüberflutung. Auch "Medienfasten" - der Verzicht auf Fernsehen, Radio usw. - reinigt und verjüngt den Geist.

 

Yoni Mudra ist eine der wichtigsten Methoden des Pratyahara, um die Sinne zu schließen. Dabei blockieren wir die Sinnesöffnungen des Kopfes - Augen, Ohren, Nasenlöcher und Mund - mit den Fingern, so dass Achtsamkeit und Energie einfließen können. Das tun wir für kurze Zeit, wenn unser Prana stark ist, zum Beispiel sofort nach dem Pranayama. Natürlich dürfen wir Mund und Nase nicht so lange zuhalten, dass wir an Sauerstoffmangel leiden. Wir können auch die Sinnesorgane offen lassen, ihnen jedoch unsere Aufmerksamkeit entziehen. Auch dann nehmen wir keine Sinneseindrücke mehr auf.

 

 

Die bekannteste Methode ist Shambhavi Mudra. Dabei setzen wir uns mit geöffneten Augen hin und lenken unsere Aufmerksamkeit nach innen. Diese Technik benutzen auch Buddhisten. Man kann sie auf alle Sinnesorgane anwenden, besonders auf den Gehörsinn. Sie hilft uns dabei, den Geist zu beherrschen, obwohl die Sinnesorgane offen sind und dabei funktionieren wie im täglichen Leben


Konzentration auf einförmige Eindrücke

Wir können den Geist auch dadurch reinigen, dass wir uns auf eine Quelle einförmiger Eindrücke konzentrieren, also zum Beispiel das Meer oder den blauen Himmel betrachten. So wie das Verdauungssystem durcheinander gerät, wenn wir unregelmäßig und ständig etwas anderes essen, haben wir auch Probleme, Sinneseindrücke zu verarbeiten, wenn sie widersprüchlich sind oder uns überschwemmen. Die Verdauung können wir durch eine Mono-Diät in Ordnung bringen, etwa durch das ayurvedische Rezept von Reis mit Mung-Bohnen (kicharee). Die geistige Verdauung braucht eine Diät aus natürlichen, homogenen Ein-drücken. Diese Methode ist oft nach einer Phase des völligen Verzichts auf Sinneseindrücke hilfreich.

 

Positive Eindrücke erzeugen:

Es gibt mehrere Möglichkeiten, positive naturgemäße Eindrücke zu erzeugen, zum Beispiel durch Meditation über natürliche Objekte (Baum, Blume, Fels), durch

den Besuch eines Tempels oder einer Kirche sowie mit Räucherwerk, Blumen, Ghee-Lampen, Schreinen, Statue und anderen Objekten der Verehrung.
 

 

Innere Eindrücke erzeugen:

Auch wenn wir uns auf innere Eindrücke konzentrieren, wenden wir die Aufmerksamkeit von äußeren Reizen ab. Wir können dazu die Vorstellungskraft nutzen oder mit den feinstofflichen Sinnen Kontakt aufnehmen, die sich melden, sobald die physischen Sinne still sind. Visualisierung ist die einfachste Methode, um innere Einrücke zu erzeugen. Im Yoga beginnt die Meditation meist mit Visualisieren. Wir "sehen" beispielsweise eine Gottheit, einen Guru oder eine schöne Landschaft, oder wir stellen uns Götter und ihre Welten vor oder zelebrieren im Geist Rituale, etwa indem wir imaginären Gottheiten imaginäre Blumen oder Edelsteine opfern. Der Künstler, der in eine innere Landschaft vertieft ist, oder der Musiker, der komponiert, wenden diese Methode ebenfalls an.

 

Das alles ist Pratyahara, weil es den Geist von äußeren Eindrücken befreit und als Grundlage der Meditation positive innere Eindrücke erzeugt. Dieses einleitende Visualisieren ist bei den meisten Formen der Meditation hilfreich, und es lässt sich auch in andere spirituelle Praktiken integrieren.


Laya-Yoga ist der Yoga des inneren Klang- und Lichtstroms. Wir konzentrieren uns auf die feinstofflichen Sinne und ziehen uns vor den grobstofflichen zurück.

 

Dieser Rückzug zum inneren Klang und zum inneren Licht transformiert den Geist und ist eine weitere Variante des Indriya-Pratyahara.

 

 

Viel Freude beim Üben - Ihr Yoga Zero – Team

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